Beim Radfahren scheiden sich die Geister

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Wenn es um das Radfahren in Lippstadt geht, scheiden sich die politischen Geister. Und die Unterschiede könnten kaum deutlicher sein. Die Frage „Was ist Ihnen beim Radfahren wichtig?“ vom „FahrradNetzWerk“ gegenüber den örtlichen Repräsentanten der Kommunalpolitik brachte nach den Worten von Karl-Heinz Tiemann als Sprecher der Fahrradgruppe des Lippstädter Klimanetzwerks „keine Floskeln, sondern offenbarte die Denkweise der Parteien und Einzelkandidaten“. Was dabei zutage trat, bewegte sich zwischen Aufbruch und Abwarten, zwischen Mut zur Mobilitätswende und Rückzug ins Gewohnte.

„FahrradNetzWerk“ wünscht sich mehr Rückenwind

Demonstration vor der Jakobikirche:
Mit seinem Informationstand in der Fußgängerzone veröffentlicht das „FahrradNetzWerk“ die Antworten aus der Politik zur Umfrage der Situation der Radwege in Lippstadt.
Foto: Karl-Heinz Tiemann

Kein Nischenthema

Michael Bruns von der Linkspartei lässt keinen Zweifel aufkommen. Für ihn ist das Fahrrad mehr als ein Verkehrsmittel. Es ist ein sozialpolitisches Werkzeug und fordert eine Mobilität wie in den Niederlanden. Er kritisiert schleppende Umsetzungen und sieht im Ausbau der Radstation, einem sozialen Verleihsystem und Lastenrad-Zugang konkrete Hebel für eine gerechtere Stadt. Der Ratsherr zeigt klar Kante: Nicht nur gegen politische Gegner, sondern auch gegen allzu bequeme Bündnispartner. Der von der SPD bei der Bürgermeisterwahl unterstützte parteilose Bewerber Alexander Tschense denkt Radverkehr ganzheitlich: Als Chance für Alltag und Tourismus, Stadt und Ortsteile. Seine Antwort ist differenziert und lösungsorientiert, ein Plädoyer für Augenmaß und Fortschritt zugleich. Dass er auf bereits Erreichtes verweist, ist selten und zeugt von einem realistischen Blick auf die Verwaltung und deren Prozesse. Und Elisabeth Körner vom Bündnis 90/Die Grünen stellt heraus: Radverkehr ist für sie kein isoliertes Thema, sondern ein zentraler Baustein der Verkehrswende. Die Frau der Öko-Fraktion verknüpft Umwelt-, Stadtentwicklungs- und Gesundheitspolitik, auch wenn konkrete lokale Projekte in ihrer Antwort fehlen, überzeugt ihre programmatische Geschlossenheit. Am klarsten formulieren es die Sozialdemokraten: Sie wollen ein sicheres, attraktives und alltagstaugliches Radwegenetz für alle Menschen, unabhängig von Alter, Einkommen oder Wohnort. Die Antwort verbinden die Sozis mit sozialer Gerechtigkeit und betonen, dass Radverkehr kein Nischenthema, sondern ein Teil von zeitgemäßer Stadtpolitik ist.

Politische Leerstelle

Auf der anderen Seite stehen CDU und BG. Hans-Dieter Marche (BG) bleibt knapp und fordert vor allem Regeltreue. Infrastruktur? Förderung? Ideen? Alles Fehlanzeige beim ihm. Stattdessen erhebt er den mahnenden Zeigefinger. Arne Moritz, von der CDU gestellter Bürgermeister, beschränkt sich auf einen einzigen Satz: „Gegenseitige Rücksichtnahme.“ Was wie eine höfliche Selbstverständlichkeit klingt, entpuppt sich als politische Leerstelle. Keine Vision, kein Plan, kein Bekenntnis. Eine Partei, die Lippstadts größte Ratsfraktion stellt, liefert damit ein Minimum an Verantwortung und parallel ein Maximum an Vermeidung. Jürg Haseloff (FDP) versucht sich an einer ausgewogenen Botschaft: Wahlfreiheit, Respekt, sichere Wege. Alles richtig, aber auch austauschbar. Konkrete Visionen fehlen. Die FDP laviert zwischen Fortschritt und Besitzstandswahrung und wirkt, als wolle sie lieber verwalten als gestalten. Für Karl-Heinz Tiemann ist die Frage nach dem Radverkehr keine Randnotiz. „Sie ist zum Lackmustest kommunaler Gestaltungsfähigkeit geworden.“ Sozialdemokaten, Grüne und Linke sowie Alexander Tschense zeigen, wie Radfahren Teil eines modernen, inklusiven Lippstadts sein kann, verbunden mit Infrastruktur, Gesundheit, Klima und Stadtbild. Dem gegenüber stehen CDU, BG und eine zaudernde FDP. Ihre Zurückhaltung verweist auf eine Politik des Status quo, bei der Veränderung nicht gestaltet, sondern ausgesessen wird. „Lippstadt steht vor der Wahl“, meint Karl-Heinz Tiemann. Für ihn stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt: „Wird die Stadt zur Fahrradstadt mit Weitblick? Oder bleibt sie auf halber Strecke zwischen Willen und Wirklichkeit stehen?“ Die Richtung ist erkennbar. Aber sie braucht in Lippstadt endlich Rückenwind – politisch wie praktisch.

Hans Zaremba